Die Vorträge der Sachverständigen als pdf:
- Nachhaltigkeitslabel: Themen, Bestandsaufnahme und Empfehlungen
- Kriterien eines Nachhaltigkeitssiegels im Tourismus
- Konzeptionsformen und Lösungsansätze für ein Nachhaltigkeitssiegel zur Verbraucherinformation
- Nachhaltigkeitssiegel - Strategischen Konsum stärken
- WeGreen - Nachhaltigkeitssiegel
- Worauf kommt es an? Faktoren für Glaubwürdigkeit und Erfolg eines Nachhaltigkeitssiegels
- Worauf kommt es an? Faktoren für Glaubwürdigkeit und Erfolg eines Nachhaltigkeitsseigels
Nachhaltigkeitssiegel zur Stärkung des strategischen Konsums
Fachgespräch am 21. Oktober in Berlin
Markt und Handel entwickeln ständig neue Siegel, die den Verbraucherinnen und Verbrauchern Nachhaltigkeit versprechen. Den Überblick zu behalten und die einzelnen Siegel zu verstehen, fällt da schwer. Kriterien und Bewertungsraster sind nicht transparent dargelegt, nicht nachvollziehbar und oftmals mehr Werbung als Information. Die Bundesregierung zeigt in ihrer Antwort auf die grüne Anfrage zwar Problembewusstsein zu Nachhaltigkeitssiegeln, lässt aber keine Maßnahmen erkennen, um diese Missstände zu ändern.
Um Ordnung in den Labeldickicht zu bringen, lud die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen zu einem Fachgespräch nach Berlin ein. Gemeinsam mit neun Sachverständigen und rund 120 Teilnehmern wurden die Möglichkeiten, Herausforderungen und verschiedenen Ausgestaltungsformen eines staatlich garantierten Nachhaltigkeitssiegels diskutiert.
Kriterien und Indikatoren für Nachhaltigkeit
Im Mittelpunkt der Veranstaltungen stand die Diskussion von Kriterien und Indikatoren, mit denen die Nachhaltigkeit von Produkten, Produktionsprozessen und Dienstleistungen gemessen und kontrolliert werden kann.
Als Einstieg in die Debatte stellte Dr. Ulrike Eberle, corsus, ein von unserer verbraucherpolitischen Sprecherin Nicole Maisch in Auftrag gegebenes Gutachten mit Empfehlungen für übergreifende Nachhaltigkeitskriterien im sozialen, ökologischen und ökonomischen Bereich vor. Ihre Analyse der derzeit auf dem Markt befindlichen Siegel und Label zeigt zum Teil sehr unterschiedliche Ausrichtungen und Reichweiten. Kaum ein Label deckt alle Aspekte der Nachhaltigkeitskriterien umfassend ab.
Die sogenannte Labelflut wurde von den Teilnehmern der Veranstaltung sehr unterschiedlich bewertet. Während sich einige mehr Licht im "Label-Dschungel" wünschen, sehen andere die Vielfalt positiv. Problematisch ist die Qualität eines Nachhaltigkeitssiegels vor allem dann, wenn nur eine Dimension oder minimale Anforderungen erfüllt werden. Auch wer sich "grüner" darstellt als die allgemein anerkannten Bio- oder Fair Trade-Siegel, ohne besser zu sein, macht sich angreifbar. Referenten von Naturland und ReNatour präsentierten ihre Bemühungen, Nachhaltigkeit möglichst umfassend in ihren Produkten abzudecken. Deutlich wurde in der Diskussion, dass noch Forschungs- und Klärungsbedarf hinsichtlich der relevanten Kriterien und Indikatoren sowie deren Gewichtung besteht.
Ausgestaltung eines Nachhaltigkeitssiegels
Zur Ausgestaltung eines staatlichen Nachhaltigkeitssiegels prüften das Ökoinstitut und das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) vier verschiedene Szenarien, die von Dr. Jennifer Teufel mit ihren jeweiligen Vor- und Nachteilen vorgestellt wurden:
- Neuentwicklung eines staatlichen Nachhaltigkeitssiegels
- Weiterentwicklung bestehender Siegel, wie bspw. des Blauen Engels
- Entwicklung formeller Gütekriterien
- Entwicklung informeller Gütekriterien
Der Empfehlung für informelle Gütekriterien setzten andere Referenten und Teilnehmer weitere Ausgestaltungsformen entgegen: eine Dachkennzeichung oder die Einführung eines Metalabels. Beim Metalabel würden bestehende Siegel ähnlich dem Registered Trademark-Zeichen ® mit einem umkreisten N (für Nachhaltigkeit) hervorgehoben. Ein Dachkennzeichen könnte bestehende Siegel ergänzen und mehrstufig aufgebaut werden, um so einen dynamischen Entwicklungsprozess zu gewährleisten. Als weiterer Lösungsansatz wurde das Modell der wegreen- Nachhaltigkeitsampel vorgestellt Notwendig sind für alle Vorschläge faire Wettbewerbsbedingungen und eine Produkthaftung über den gesamten Lebensweg.
Der Wunsch an die Politik war, bestehende gute Label und Siegel zu erhalten und kein "Konkurrenzsiegel" zu aufzubauen. "Greenwashing"-Label allerdings, die eher zur Verwirrung und Täuschung von Verbraucherinnen und Verbrauchern beitragen, als diese ehrlich zu informieren, sollen vom Markt gedrängt werden.
Erfolg und Glaubwürdigkeit eines Nachhaltigkeitssiegels
Die Wissenschaftlerinnen Professor Lucia Reisch und Ria Müller betonten, dass Kriterien definiert und festgelegt werden müssen, um Erfolg zu haben. Diese sollten nicht nur den derzeitigen Status Quo widerspiegeln, sondern einen Mehrgewinn im Sinne der Nachhaltigkeit erzeugen.
Entscheidend ist außerdem die Transparenz hinsichtlich Kriterien sowie Vergabe und Kontrolle der Kennzeichnung. Zeichengeber, Vergabekriterien und Information über den unabhängigen Kontrollprozess sollten öffentlich zugänglich sein. Alle relevanten Akteure müssen bei der der Entwicklung der Kriterien einbezogen sein. Ökologische, soziale und wirtschaftliche Standards dürfen nicht zementiert werden, sondern sollen zur Weiterentwicklung und Verbesserung anregen. In diesem Sinne sind auch die Gebrauchstauglichkeit und Aussagekraft eines Siegels zu überprüfen.
Debatten um Nachhaltigkeitssiegel müssen weitergeführt werden
Das bestehende Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb reicht nicht aus, um Verbrauchertäuschung tatsächlich auszuschließen. Denn nicht alles was im legal zulässigen Rahmen praktiziert wird, ist tatsächlich auch legitim. Dies zeigt auch die Onlineplattform Lebensmittelklarheit.de, auf der zahlreiche Produkte als irreführend bemängelt werden, obwohl sie noch im gesetzlichen Rahmen liegen.
Um die Rechte von Verbraucherinnen und Verbrauchern sowie bestehende gute Siegel zu stärken, sind die Diskussionen weiter voranzubringen. Unabdingbar sind eine Stärkung der Verbraucherinformation und der Konsumforschung sowie einen breiter Austausch mit betroffenen Stakeholdern. Die Einführung eines staatlich garantierten Nachhaltigkeitssiegels – z.B. in Form eines Dach- oder Metalabels – muss weiter geprüft werden.
Als sachverständige Experten an unserer Veranstaltung mitgewirkt haben: Professor Lucia Reisch, Mitglied des Rates für nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung und Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats für Verbraucher- und Ernährungspolitik des BMELV; Professor Matthias Finkbeiner, Technische Universität Berlin und Mitglied der Jury Umweltzeichen für den blauen Engel; Dr. Ulrike Eberle, Gründerin des Forschungsinstituts corsus – corporate sustainability und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats für Verbraucher- und Ernährungspolitik des BMELV; Dr. Jennifer Teufel, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Öko-Institut e.V.; Steffen Reese, Geschäftsführer von Naturland – Verband für ökologischen Landbau e.V.; Roland Streicher, forum anders reisen e.V. sowie Stephan Krug, Geschäftsführer von viabono, Ria Müller, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) sowie Maurice Stanszus, Gründer von WeGreen.
Geleitet wurde die Veranstaltung von Nicole Maisch, Sprecherin für Verbraucherschutz und Markus Tressel, Sprecher für Tourismuspolitik der grünen Bundestagsfraktion.
Unsere Kleine Anfrage zum Nachhaltigkeitssiegel (mit Antwort der Bundesregierung).










