Lebensmittelverschwendung

Maßlose Lebensmittelverschwendung endlich eindämmen

Laut der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) wird weltweit rund ein Drittel aller für den menschlichen Verzehr produzierten Lebensmittel weggeworfen. Das entspricht etwa 1,3 Milliarden Tonnen Nahrungsmitteln, die pro Jahr umsonst produziert werden.

Spitzenreiter der Nahrungsmittelverschwendung sind die Industrienationen. Allein in Deutschland landen nach Schätzungen der Welthungerhilfe Jahr für Jahr über 20 Millionen Tonnen Lebensmittel im Wert von ungefähr 25 Milliarden Euro auf dem Müll.

Verschwendung auf allen Stufen der Wertschöpfungskette

Die Verschwendung findet dabei auf allen Stufen der Wertschöpfungskette auf dem Weg "vom Acker zum Teller" statt.

Bereits bei der Produktion und im Handel fallen immense Lebensmittelabfälle an. Dreißig bis vierzig Prozent der Kartoffeln oder Karotten werden bereits auf dem Feld aussortiert, weil sie zu klein oder groß oder nicht schön genug sind. Im Handel werden Produkte zum Teil bereits eine Woche vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums aussortiert und zum Teil weggeworfen.

Und auch in den Privathaushalten werden enorme Mengen an Lebensmitteln weggeworfen – zu knapp einem Drittel sogar ungeöffnet und unberührt. Grund dafür sind unter anderem Fehlplanungen, -lagerungen, zu große Packungen und Schnäppchenpreise aber auch die Unkenntnis über die Bedeutung des Mindesthaltbarkeitsdatums.

Negative Auswirkungen der Lebensmittelabfälle

Die negativen Auswirkungen der Vernichtung von Lebensmitteln sind vielfältig.

So steht unser verschwenderischer Umgang mit Lebensmitteln unter anderem in direktem Zusammenhang mit dem Hunger in anderen Teilen der Welt. Die immense Verschwendung hat System und spiegelt sich im Preis der Lebensmittel wider. Dies treibt die Preise auf dem globalen Lebensmittelmarkt nach oben und führt überdies zu starken Preisschwankungen. In Ländern, in denen für die Versorgung mit Lebensmittel rund 70 Prozent des Einkommens aufgewendet werden müssen, sind jegliche Preissteigerungen existentiell und führen zur Verschärfung von Armut und Hunger. Die Menge der Lebensmittel, die alleine in Europa und Nordamerika auf dem Müll landet, würde ausreichen, um alle Hungerleidenden auf der Welt zu versorgen.

Daneben tragen die immensen Abfälle an Nahrungsmitteln und die eingeplante Überproduktion zu unnötigem Flächenverbrauch und zur Ausbeutung von Menschen und Tieren sowie zur Klimaerwärmung bei. Bei der Verrottung oder Verbrennung der riesigen Müllberge auf Müllhalden werden Methan und andere Gase in erheblichem Umfang frei. Weltweit macht dies rund 15 % der globalen Methan-Emissionen aus.

Aigner versucht sich aus ihrer Verantwortung zu stehlen

Offizielle Zahlen zum Ausmaß der Lebensmittelverschwendung in Deutschland liegen noch nicht vor. Bundesministerin Ilse Aigner hat sich jetzt – nach langer Ankündigungsphase – daran gemacht, für Deutschland zu evaluieren, wo wie viele Abfälle anfallen und welche Möglichkeiten es gibt, um diese möglichst zu verhindern. Die Ergebnisse sollen Anfang nächsten Jahres vorliegen.

Ein erster später Schritt, nachdem Länder wie Österreich oder Großbritannien schon viel weiter sind und bereits seit langem entsprechende Zahlen vorliegen und Maßnahmen zur Eindämmung der Verschwendung in Angriff genommen.

Davon ist Ministerin Aigner noch weit entfernt. Darüber, wie und mit welchen Maßnahmen die Lebensmittelabfälle verhindert oder zumindest verringert werden sollen, hüllt sich Ministerin Aigner bisher in Schweigen und kann selbst auf Nachfrage keine Antwort geben.

Konkrete Schritte sind aber bereits heute notwendig. Die einzig bisher sichtbare Leistung Frau Aigners ist das Einrichten des Internetseite "Jedes Mahl wertvoll", auf der man "wertvolle Haushaltstipps" bekommt. Das ist ganz schön schwach und legt überdies den Verdacht nahe, dass Frau Aigner die Verantwortung mal wieder gänzlich den Verbrauchern zuschieben und sich aus ihrer politischen Verantwortung stehlen will. Gezielte Verbraucheraufklärung ist wichtig und auch im Bereich der Lebensmittelverschwendung unabdingbar, aber hier macht es sich Frau Aigner zu einfach.

Schwarz-gelb muss umsteuern und maßlose Essensvernichtung endlich eindämmen

Auch die Politik von schwarz-gelb ist in erheblichem Ausmaß Mitschuld an unserem Umgang mit Lebensmitteln. Vor allem bei der Fleischproduktion, aber auch in anderen Bereichen, setzt die Bundesregierung noch immer auf Masse statt Klasse und auf billige Massenproduktion. Die Überproduktion von Lebensmitteln hat System und das Wegwerfen von Lebensmitteln ist eingeplant.

Davon müssen wir weg. Frau Aigners Appell für eine höhere Wertschätzung von Lebensmitteln verpufft, wenn sie nicht selbst politische Konsequenzen zieht. Was wir brauchen ist eine stärkere Förderung der nachhaltigen Lebensmittelerzeugung, eine Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe und des Biolandbaus.

Dazu gehört auch eine ehrliche Preisstruktur. Die hoch subventionierte industrialisierte Lebensmittelerzeugung hat massive negative Auswirkungen auf unsere Umwelt und die Gesundheit von Menschen und Tieren. Viele Produkte werden eher weggeworfen, weil sich aussortieren oder eine Prozessoptimierung bei den geringen Preisen nicht lohnt. Deshalb brauchen wir Preise, die die Wahrheit sagen. Die negativen Auswirkungen müssen sich im Preis widerspiegeln und so einen Anreiz bieten für den Kauf nachhaltiger Produkte und die Vermeidung von Verschwendung. Dadurch wird auch die Wertschätzung von Lebensmitteln wieder gestärkt.

Auch im Bereich der Handels- und Qualitätsnormen ist Frau Aigner gefragt. Viele Produkte, die rein äußerlich nicht den Idealvorstellungen von Handel oder Verbraucherinnen und Verbrauchern entsprechen, werden weggeworfen. Dabei sind sie qualitativ einwandfrei und für alternative Vermarktungszwecke ideal geeignet. Zum Beispiel könnten zu klein geratene Karotten oder Äpfel als Kindersnacks verkauft und vermarktet werden. Wir fordern Frau Aigner auf, einen Innovationswettbewerb auszurufen, um die unnötigen Abfälle bei der Lebensmittelerzeugung kreativ zu verringern.

Das zeigt, die Debatte darf sich nicht nur auf das Mindesthaltbarkeitsdatum beschränken. Hier gibt es erheblichen Aufklärungsbedarf darüber, was der Begriff meint, aber auch darüber, wie lange die Produkte tatsächlich haltbar und verwendbar sind. Die Verbraucherforschung und -aufklärung muss deutlich gestärkt werden. Gute Ernährungsbildung fängt bereits in der Schulzeit an und muss in die Lehrpläne integriert werden. NRW geht unter grüner Regierungsbeteiligung mit gutem Beispiel voran.

Außerdem hat NRW bereits einen Runden Tisch einberufen, um gemeinsam mit Lebensmittelerzeugern, Verarbeitung, Handel, Wissenschaft und Verbrauchern Maßnahmen zur Verhinderung der Lebensmittelverschwendung zu entwickeln. Daran muss sich die Bundesregierung ein Beispiel nehmen.

Um die immense Verschwendung von Lebensmitteln auf allen Stufen der Wertschöpfungskette in den Griff zu bekommen, brauchen wir ein integratives Konzept. Das muss Frau Aigner vorlegen – und zwar schnellst möglich.

Hier geht es zur Bundestagsrede von Nicole Maisch!