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14. März 2017

FACHGESPRÄCH: Qualzuchten bei Hund, Katze und Co. – wenn „Schönheit“ weh tut

Der Fokus dieses Fachgesprächs lag auf Qualzuchten im Heimtierbereich. Vorgestellt und diskutiert wurden konkrete Probleme und Qualzuchtausprägungen, die Verantwortung der unterschiedlichen Akteure – von Politik über ZüchterInnen und Zuchtverbänden bis hin zu den TierhalterInnen – sowie die unzureichende Rechtsgrundlage und der mangelnde Vollzug.

FACHGESPRÄCH: Qualzuchten bei Hund, Katze und Co. – wenn „Schönheit“ weh tut

FACHGESPRÄCH: Qualzuchten bei Hund, Katze und Co. – wenn „Schönheit“ weh tut

Qualzuchten sind noch immer ein enormes Tierschutzproblem. Es gibt sie sowohl bei Heimtieren als auch bei Tieren in der Landwirtschaft. Als Qualzucht gelten Tiere, die so gezüchtet werden, dass dies bei ihnen oder ihren Nachkommen zu Veränderungen oder Verhaltensstörungen führt, die mit Schmerzen, Leiden oder Schäden für die Tiere verbunden sind. Bekannteste Beispiele sind Möpse, die wegen der verkürzten Schnauze nicht mehr richtig atmen können, oder Puten, die sich aufgrund des überzüchteten Brustmuskels nicht mehr gerade auf den Beinen halten können, sondern nach vorne umkippen.

Der Fokus dieses Fachgesprächs lag auf Qualzuchten im Heimtierbereich. Vorgestellt und diskutiert wurden konkrete Probleme und Qualzuchtausprägungen, die Verantwortung der unterschiedlichen Akteure – von Politik über ZüchterInnen und Zuchtverbänden bis hin zu den TierhalterInnen – sowie die unzureichende Rechtsgrundlage und der mangelnde Vollzug.

In ihrer Einführung wies Nicole Maisch, Sprecherin für Tierschutzpolitik der grünen Bundestagsfraktion, darauf hin, dass sich die Fraktion bereits seit langem mit der Problematik befasst hat. Nicht nur veranstalteten die Grünen im Bundestag auch in der Vergangenheit schon ExpertInnengespräche zum Thema – sie versuchten mit zahlreichen Anträgen, die rechtlichen Regelungen zu verbessern.

Nicole Maisch erwartet von der Bundesregierung, Qualzuchten endlich einen wirksamen Riegel vorzuschieben und auch die Öffentlichkeit verstärkt zu sensibilisieren. Denn viele Menschen, die sich ein Tier zulegen und ihrem Tier mit Sicherheit nichts Böses wollen, wissen überhaupt nicht, dass es sich bei manchen Tierarten um Überzüchtungen, um Qualzuchten handelt. Deshalb sei es gut, dass die öffentliche Debatte weiter angestoßen wird. Das sei auch eines der Ziele der Veranstaltung. Was die Bundesregierung derzeit mache, sei jedoch kontraproduktiv. Auf einem neu eingerichteten Beratungsportal Opens external link in new windowhaustier-berater.de werden auch Qualzuchten als geeignete Haustiere genannt, ohne auf mögliche Überzüchtungen und damit einhergehende Probleme hinzuweisen bzw. ganz auf die Nennung dieser Tiere zu verzichten.

„Gut“ aussehen, schlecht fühlen!?
Was bewirken Modetrends und Zuchtstandards?

Im ersten Panel ging es insbesondere um eine Bestandsaufnahme. Frank Meuser, Leiter des Hauptstadtbüros des Deutschen Tierschutzbundes und Dr. Friedrich Röcken, Leiter der Arbeitsgemeinschaft Qualzuchten der Bundestierärztekammer, nannten in ihren Vorträgen zahlreiche anschauliche Beispiele für Qualzuchten sowie problematische Zuchtziele.

Deutlich wurde, wie häufig Qualzuchten vorkommen. Auch begegnen sie uns in den unterschiedlichsten Kontexten im täglichen Leben – etwa in TV-Spots, Zeitschriften oder auf Deko-Artikeln wie Kissen. Die Bundestierärztekammer hat sich in den letzten Monaten deshalb an verschiedene Firmen und Agenturen gewandt und diese gebeten, in Zukunft auf Werbung mit Tieren mit Qualzuchtmerkmalen zu verzichten. Aufgestellt haben der Deutsche Tierschutzbund und die Bundestierärztekammer auch Forderungen an Politik und Züchterverbände.

So sollen die gesetzlichen Regelungen ergänzt und konkretisiert, das Qualzuchtgutachten überarbeitet und rechtsverbindlich gestaltet werden. Die Veterinärämter sollten strikter durchgreifen. Züchterverbände sollen psychisch und physisch gesunde Tiere züchten und danach auch ihre Rassestandards ausrichten und Einkreuzungen vornehmen bzw. Tiere mit Qualzuchtmerkmalen von der Zucht ausschließen. Außerdem sollen Züchter und Zuchtrichter verpflichtende Sachkundenachweise erbringen und es ein Ausstellungsverbot für betroffene Rassen und Individuen geben. Es sollten vermehrt Gesundheitschecks durchgeführt und diese vereinfacht werden. Zudem muss der Internethandel mit Tieren verboten werden. Jörg Bartscherer, Geschäftsführer des Verbands für das Deutsche Hundewesen (VDH), wies in seinem Vortrag darauf hin, dass sich sein Verband bereits auf den Weg gemacht habe und Qualzuchten auch ablehne.

Allerdings sei der Einfluss als Dachorganisation begrenzt, da sie zum einen keinen Einfluss hätten auf die rassespezifischen Eigenregelungen der jeweiligen Zuchtvereine und die Zuchtstandards zum anderen international bestimmt würden. Zudem wären sie durch kartellamtliche Regelungen eingeschränkt. Er wies auch darauf hin, dass die Zuchtstandards an sich gut seien, es jedoch viel Interpretationsspielraum gebe.

Krankes Tier – krankes System!? Reichen die rechtlichen Rahmenbedingungen, funktioniert der Vollzug? 

Im zweiten Teil der Veranstaltung wurden die Inputs und Diskussionen um die gesetzlichen Vorgaben und den Vollzug sowie die diesbezüglichen Forderungen an Politik und Behörden vertieft. Dr. Christoph Maisack, Mitherausgeber der Kommentierung des deutschen Tierschutzgesetzes und profilierter Jurist im Tierschutzrecht, legte die derzeitige Rechtssituation dar. Außerdem stellte er die Änderungen vor, die bei der letzten Tierschutzgesetz-Novelle im Jahr 2014 zu Qualzuchten vorgenommen wurden. Hier sieht er minimale Verbesserungen im Vergleich zur vorherigen Formulierung. Während früher Verbote von Qualzuchten vor Gericht kaum haltbar waren, da die Beweislast zu hoch war, würde aus seiner Sicht nach der jetzigen Regelung die hinreichende Wahrscheinlichkeit, dass es sich nach objektiven wissenschaftlichen Erkenntnissen um eine Qualzucht handelt, für ein Zuchtverbot ausreichen. Nichtsdestotrotz sei die Regelung – auch angesichts des veralteten und nicht rechtsverbindlichen Qualzuchtgutachtens von 1999 – nicht ausreichend. Hier bestehe deutlicher Überarbeitungs- und Konkretisierungsbedarf. Die Vorgaben in Österreich oder der Schweiz seien deutlich besser, da sie konkreter seien und Beispiele nennen. Diese können der Behörde den Vollzug sehr erleichtern. Dem schloss sich Diana Plange, Fachtierärztin für Tierschutz und Tierschutzethik beim Bezirksamt Spandau von Berlin sowie öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige für Tierschutz, in ihrem Vortrag an. 

Sie fordert ebenso wie vorangehend die Vertreter des Deutschen Tierschutzbunds und der Bundestierärztekammer eine Überarbeitung des Qualzuchtgutachtens angesichts neuster wissenschaftlicher Erkenntnisse – inklusive der Aufnahme landwirtschaftlich genutzter Tiere – sowie eine Überführung in eine rechtsverbindliche Verordnung. 

Dies lehnt die Bundesregierung jedoch nach wie vor ab – wie aus ihrer Antwort auf eine Anfrage von uns im Nachgang der Veranstaltung hervorgeht. 

Als grüne Bundestagsfraktion werden wir weiterhin am Ball bleiben. Qualzuchten müssen endlich wirksam unterbunden werden. Tiere sind weder Modeaccessoires, die abstrusen Trends unterliegen dürfen, noch dürfen sie aus ökonomischen Gründen so überzüchtet werden!